6. Welche Bedeutung hat die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen für Sie?
Ich kann Ihnen diese Frage nur aus dem Blickwinkel meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung beantworten. Ich habe den Eindruck, dass ich mich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt habe. Ich denke auch, dass man diese Veränderung nur bewusst angehen kann, indem man über sein eigenes Sein und Tun reflektiert. Dazu gehört auch die Analyse von „Niederlagen”, um zu einem Verständnis zu kommen, warum man gescheitert ist und was diese Niederlage einem mitteilen will. Als ich zu „Arena” ging, hatte ich den Ruf des Publikumslieblings, des sympathischen Wallisers, und plötzlich funktionierte dann mein Image nicht mehr. Es gab zu Beginn einige sehr kritische Artikel über meine Arbeit.
Im Nachhinein ist mir sehr wohl bewusst, was damals passierte. Ich war nicht ich selbst, ich hatte die Idee “Arena”-Moderator spielen zu müssen, um ernst genommen zu werden – das war völlig falsch. Die Erfahrung, auch mehrmals harscher Kritik ausgesetzt zu sein, hat mir geholfen ein deutlicheres Profil zu bekommen. Ich lernte, mich zu wehren, für mich einzustehen, anderen auch mal „weh zu tun”, anderer Meinung zu sein und demzufolge nicht mehr Liebling von allen zu sein. Heute kann ich damit umgehen, dass mich manche Leute „doof” finden. Das ist meiner Meinung nach Persönlichkeitsentwicklung, zu begreifen, dass die Aufgaben, die sich einem stellen, eine Bedeutung für unsere Entwicklung darstellen, indem man diese Aufgabe packt und umsetzt.
7. Stimmt das: Beruf ist Berufung?
In meinem Fall zu 100 Prozent. Und da bin ich vielleicht privilegiert und sehr glücklich. Ich konnte bisher in meinem Leben immer tun, was ich auch wirklich wollte, ich fühlte mich berufen. Ich beschloss, im Alter von 8 Jahren Journalist zu werden, da hatte ich gerade mal gelernt wie der Beruf überhaupt hiess, denn als Kind haben mich Hefte und Zeitungen wahnsinnig fasziniert. Mit Acht habe ich begonnen, meine eigenen Hefte auf dem Umdrucker, meines Grossvaters zu produzieren. Ich wusste wohl, dass ich, wenn ich gross wäre, dies tun wollte, jedoch war der Wunsch es jetzt zu tun so gross, dass ich es sofort umgesetzt habe. Ich habe diese Hefte erst für 5 Rappen, dann für 20 Rappen verkauft und bis zur sechsten Klasse für 50 Rappen pro Stück. Als Marketingtrick hatte ich kleine Gimmicks, also Werbegeschenke produziert, zum Beispiel selbstgezüchtete Sonnenblumenkerne mit Anleitung zum Selberzüchten von Sonnenblumen.
Mit 12 Jahren habe ich mich erstmals bei einem deutschen Zeitschriftenhaus beworben. Ich bekam einen sehr netten Brief zurück, der mein Engagement und meine Begeisterung würdigte, jedoch darauf hinwies, vielleicht besser erst die schulische Laufbahn zu durchlaufen und einen Abschluss vorzulegen, und mich nochmals in 10 Jahren zu bewerben. Das hat mich sehr „gewurmt”, denn ich war der Meinung, dass ich jetzt schon fähig war, Journalist zu sein. Ich bin dann auf das Gymnasium gegangen und auch zur Universität. Meinen Traum habe ich erfüllt, als ich mit 14 Jahren begann, für eine Zeitung zu schreiben und mit 17 Jahren anfing, Radio zu machen, natürlich neben der Schule.
Also für mich ist mein Beruf wirklich Berufung, da ich ein Leben lang schon mache, was ich gerne tue. Und Glück! Ja, ich kenne schon lange mein Ziel und dieses klare Ziel haben viele Menschen nicht. Sie wissen nicht, was sie können und was sie gerne tun möchten. Das stelle ich mir ziemlich furchtbar vor.


