3.    Sie haben eine steile und erfolgsverwöhnte Karriere bis zum Starmoderator von „Quer” hinter sich. Heute sind Sie selbständig und führen ein Kommunikationsunternehmen. Haben Sie durch Ihre beruflichen Veränderungen eine Krise durchlebt?

Nein, absolut nicht, ganz im Gegenteil. Ich glaube die berufliche Veränderung in die Selbständigkeit hat Energien und Kräfte in ungeahntem Aussmass freigesetzt. Ich habe vielmehr  eine kleine Krise durchlebt, bevor ich diese Ablösung vom Fernsehen gemacht habe, als es darum ging im 2006 die Sendung „Quer” neu zu entwickeln.

Das war meines Erachtens eine richtige Entscheidung, da die Sendung damals bereits 11 Jahre alt war und ein überarbeitetes Konzept mehr als fällig war. Die Idee war, die Sendung, kompakter, kürzer und nach monatsthematischen Schwerpunkten auszurichten. Bei dieser Auftragserteilung fingen bei mir an, die Alarmglocken zu schrillen. Das was für mich die Marke „Quer” bis dahin ausgemacht hatte, waren gerade die Breite und die verschiedenen Themengebiete und Lebensbereiche, über die wir berichteten.

Ich hatte das Gefühl, dass dem zukünftig nicht mehr so sein würde. Das nahm ich zum Anlass, mir zu überlegen, ob diese Sendung noch der richtige Ort für mich war. Und die Frage, die ich mir dann stellte, und deswegen sage ich „kleine Krise”, lautete: „Gibt es ein Leben ohne Fernsehen? Was wäre eine Alternative oder gäbe es allenfalls eine andere Form der Beschäftigung beim Fernsehen?” Und dann kam immer deutlicher der Gedanke, etwas ganz anderes zu tun. Loszulassen, wegzugehen, eine Sicherheit zu verlassen. Vor allen Dingen diese Sicherheit, da ich mit 24 Jahren im Fernsehen anfing zu arbeiten, den Betrieb somit in- und auswendig kannte und de facto „im Dorf” zuhause war.

Die Entscheidung mich dann in die grosse weite fremde Welt vorzuwagen, ohne Sicherheit, ohne das entsprechende Gerüst und ohne das Team im Rücken und trotzdem zu sagen: „Ich kann das”, das war ein spannender Augenblick für mich. Um mich definitiv zu entscheiden, unternahm ich eine Velotour von Zürich nach Amsterdam. Das war das grossartigste Erlebnis meines bisherigen Lebens, da ich mich selbst sehr gut kennengelernt habe und auf eindrückliche Art meine Grenzen erkennen durfte.

4.    Wie haben Sie das gemacht, dass es zu keiner Krise kam?

Ich bin innerhalb von neun Tagen, durchschnittlich 120 km pro Tag, also ganz genau 1’008 km mit dem Velo gefahren. Ich war nicht trainiert und ausser ein paar Joggingrunden hatte ich  wenige körperliche Reserven. Diese Erfahrung verhalf mir, meine Grenzen zu erkennen, wunderschöne Grenzen übrigens, und mir wurde plötzlich klar, wenn ich das schaffe, allein und unabhängig ein solches Abenteuer zu bestehen und am Ziel anzukommen, dann kann ich noch ganz andere Dinge in diesem Leben schaffen.

Als ich in Amsterdam ankam, war mir klar, dass ich mit der Fernsehmoderation aufhöre und diesen Schritt in die Selbständigkeit wage. Das war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens und ich konnte hernach Energien freisetzen, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Dieses Bewusstsein strahlte ich offensichtlich aus, denn ich habe von Anfang an positive Rückmeldungen erhalten und empfand meine Krise somit wirklich nur als „kleine Krise”, als einen kurzen Moment, in dem ich sehr viel Schönes erleben durfte.

5.    Worin besteht „mutig sein” in Ihrem Leben?

Mutig sein bedeutet für mich, mich gegen die Sicherheit und für mein persönliches Tun zu entscheiden, auch mit dem Wissen, dass mein neues persönliches Tun zum Absturz führen könnte. Ich habe das bisher mehrmals in meinem Leben gemacht, was ja für einen im Sternzeichen „Stier” Geborenen gar nicht so einfach ist, der Stier hat ja sehr gerne Sicherheit und den Boden unter den Füssen. 1992 war ich das erste Mal mutig, als ich das Lokalradio verliess, welches ich mitaufgebaut hatte, um für das Fernsehen tätig zu werden. Zum Vergleich: im Radio waren wir 13 Leute und im Fernsehen plötzlich 1’300. Dort spürte ich anfänglich eine Verunsicherung, da ich nunmehr eine Nummer im grossen Gefüge war.

Ich hatte wiederum eine ähnliche Herausforderung als ich 1999 „Schweiz aktuell” verliess, um die Sendung „Arena” als Redaktionsleiter und Moderator zu übernehmen. Im Prinzip bezeichne ich das heute als „völligen Irrsinn” im Alter von 31 Jahren mit Bundespolitikern, Parlamentariern und Wirtschaftsvertretern Debatten zu führen. Mir war klar, dass ich mich an diesem Job verbrennen konnte und die ersten drei Monate waren auch sehr hart, da der Erwartungsdruck enorm hoch war und ich als Folge davon zu dieser Zeit völlig unentspannt unterwegs war.

Zum Glück konnte ich eine meiner stärksten Eigenschaften aktivieren, die da lautet: „Und jetzt erst recht”. Ich habe mich völlig auf diese Aufgabe eingelassen, mich hineingekniet, mich dieser Herausforderung immer und immer wieder gestellt, es war harte Arbeit, doch nach ein paar Monaten wusste ich wie die Sendung „lief”. Als mir dies klar wurde, konnte ich die Sendung zu meiner Sendung machen. Durch diese befreiende Erkenntnis erlebte ich einen fabelhaften Fluss. Und ich habe nochmals einen ähnlich mutigen Schritt gemacht, als ich beschloss, das Fernsehen nach 15 Jahren zu verlassen. Also immer im Wissen, dass ich dort ein sicheres Umfeld hinter mir liess. Das war für mich jeweils sehr mutig. Jedes Mal war ich erstaunt, dass es klappte und bin heute froh, dass ich mich jedes Mal bewusst für den Mut entschieden habe, denn es hat mich stärker gemacht und weiter gebracht.