Interview vom 26. August 2009
1. Anne, was machst Du derzeit beruflich?
Ich bin derzeit in Teilzeitarbeit als Masseurin für klassische Massage und traditioneller Nuad Bo’Rarn in einem Physiotherapiestudio in Genf tätig. Zudem bilde ich mich seit 4 Jahren rund um das zum Thema „therapeutic touch“ weiter. Als weitere Tätigkeit lasse ich mich in cranio-sacral biodynamics ausbilden, eine zugleich feine und tiefgründige energetische Arbeit.
2. Wie kommt es, dass Du nicht mehr als Künstlerin noch als Sängerin unterwegs bist?
Ich erinnere mich noch daran, als ich 12-13 Jahre alt war. Das Tanzen gab mir erst ein umfangsreicher Körpergefühl. Später bei der Kunstmatura in Genf lernte ich, eine Körperstruktur zu erfassen. Eine Struktur mittels Stahl und Holz so aufzubauen, dass man dann mit Ton einen Körper gestalten kann. Vom Skelett bis zu den Muskeln, von den inneren Geweben bis hin zur Haut. Das berühren war damals schon ein wichtiges Thema.
Später, durch die Erfahrung als Sängerin, entwickelte ich das Bewusstsein einer Haltung, der Atmung und dessen inneren Dehnungen. Dies hat mir einen Halt gegeben! Da die Töne wie Wellen durch meinen Körper fliessen, wurde ich auch einer gewissen energetischen Phänomenologie bewusst. Es braucht eine echte Hingabe, um Musik zu interpretieren, jedoch muss sich jeder Sänger einer recht strengen Disziplin unterordnen.
Der Körper und dessen Ausdruck ist der rote Faden in meinem Leben. Die Beziehung zu meinem Körper ist eines. Ich habe wahrscheinlich gegenüber meinen Mitmenschen ein besonderes Einfühlungsvermögen entwickelt, oder aber schon immer gehabt. Körperarbeit ist eine ganzheitliche Arbeit. Viele meiner Erfahrungen als Künstlerin beziehe ich beim Massieren mit ein. Ich war letztlich auf der Suche nach einer Tätigkeit, die mich wieder vollumfänglich nährt und auch persönlich weiterbringt. Diese Art zu Sein, wo ich explorieren darf und die mir auch die Möglichkeit gibt, mich mit den Menschen in einer behutsamen Beziehungsweise auseinanderzusetzen.
3. Hattest du denn eine Krise, weil du dich der Massage zugewendet hast. Was denkst du über Krisen?
Ich hatte eine Phase in der ich nicht genügend Mut hatte, der Musikwelt mit meiner Kraft, oder anders ausgedrückt, mit allem was ich hatte und wer ich war zu begegnen. Ich kam an einem Punkt an, da hat alles was ich ansah, keinen Spass mehr gemacht. In der Musikwelt herrscht ein hoher Anspruch, dem jeder und jede versucht gerecht zu werden. Jeder bewegt sich in seinem Modell der Perfektion. Es wird so undendlich viel von den Künstlern verlangt, dass der Druck enorm ist.
4. Du bist somit krisenerprobt. Welches sind Deine Kriseninterventionsstrategien?
Ich habe Hilfe gesucht, und dies auf verschiedene Arten. Im Alter von 40 Jahren lernte ich, mir die verschiedenen Ebenen und Phasen meines Lebens näher anzuschauen. Beruflich als auch Privat. Durch Psychotherapie, einer Art analytischer Gesprächstherapie, und durch Körpertherapie zugleich, habe ich mich auf den Weg zu mir selbst begeben. Ich hatte Glück, einer Psychotherapeutin zu begegnen, die verstand worum es in der Künstlerwelt geht und mir mit Ihrer Art zuzuhören immer Zeit gegeben hat, auf eine breite Art meine Träume und Visionen zu suchen und mir wiederholt gesagt hat, dass die Antwort kommt, jedoch auch ihre Zeit benötigt. Durch das „in mich Hineinspüren“ fand ich heraus, was für mich bedeutungsvoll ist.
Aus der Körpertherapie in Form von Nuad Bo’Rarn habe ich viel innere Ruhe gefunden. Ich benötigte sehr viel Frieden. Das hat mich bewegt, selbst diese Massageform zu lernen und weiterzugeben.
5. Wie entspannst du Dich denn heute?
Das Wiederherstellen meiner Ressourcen, finde ich in verschiedenen Aktivitäten, das sind beispielsweise Velofahren, Laufen, mit einem Buch am See sitzen, in der Natur sein, Bäume anfassen, Freunde sehen und deren Kinder hüten, ausgehen, tanzen, Ideen und Erfahrungen austauschen und sogar schreiben, neu formulieren meiner früheren Gedanken. Um mich für die Massagen auszustatten, praktiziere ich Yoga und Meditation.
6. Ist denn deine derzeitige Tätigkeit, das Massieren und die Energiearbeit, deine Berufung?
Durch die Berührung gibt es ein wertvolles Potenzial, damit die Menschen ihren eigenen Weg wieder mutig einschlagen können. Manch schöne Erfahrungen werden durch eine behutsame und vertrauensvolle Beziehung vielleicht auch erst ermöglicht, und dies ist einer der Schlüssel meiner Motivation.
7. Was sind die Meilensteine der Inspiration auf deinem Weg zur Therapeutin?
Ich hatte vor ein paar Jahren meinen Bruder durch Krebs verloren, und ich sah einen hoch interessanten Film über tibetanische Medizin; „Das Wissen vom Heilen“, von Franz Reichle. Dieser Film hat mich tief beeindruckt. Ich erkannte, dass etwas äusserst Wirksames einfach und frei zugänglich in der Natur vorhanden ist : die Wurzeln, die Früchte, die Blätter der Bäume, die Mineralien; alle Arten von Nahrungen & Heilmittel der Natur.
Diese tieferen Einsichten und Kenntnisse über die Gesetze der Natur haben sich über tausende von Jahren entwickelt. Ich hatte den Eindruck, dass wir dieses Potenzial nicht vollumfänglich nutzen. Richtig, synthetisch hergestellte Medikamente erbringen die gewünschte Heilung, jedoch gehen diese Formen der Heilung immer mit Nebenwirkungen einher. Dies heisst nicht, dass die Naturheilmittel ganz ohne Gefahr seien. Auf dieser Ebene soll man auch sehr vorsichtig umgehen mit der Idee, die Natur heile alles… es gibt auch da gewisse Regeln, sei es die gute Substanz im angemessenen Mass, zum richtigen Zeitpunkt. Es gibt ja auch tödliche Gifte in der Natur!
Es besteht doch die Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden noch weiter zu forschen. Diese Naturheilmittel sollte man mit den gleichen finanziellen Mitteln und gleichem Engagement entwickeln. Die Natur bietet ein hohes Potenzial, das noch nicht völlig wahrgenommen wird. Ein wunderbares Beispiel eines tibetanischen Heilmittels wäre Padma 28, das das Blut verdünnt.
Dann war ich zutiefst gerührt, als ich den Film über das Leben Ammas, einer wichtigen Figur des Hinduimus, die man auch als Geistheilerin betrachten darf. Durch Ihre Umarmung gibt sie unerschöpflich ihre mütterliche, bedingungslose Liebe zu spüren. Das Wort auf Englisch und Französisch, compassion, bedeutet mir sehr viel.
Seit ich mich dieser meiner neuen Berufung widme, weiss ich mich von Menschen, die mir nahe stehen, auf meinem Lebensweg begleitet. Im Austausch mit diesen wertvollen Menschen werden Körper, Geist und Seele genährt. Ich empfinde ein grosses Gefühl der Dankbarkeit, dass ich diese Menschen um mich weiss.
8. Und welche Länder würdest du besuchen?
Auf diese Frage möchte ich Dir gerne mit einem Gedicht von Goethe antworten:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl? Dahin!
Dahin möcht’ ich mit dir,
O mein Geliebter, ziehn.
Ich bin gern mit Menschen aus ganz vielen verschiedenen Kulturen zusammen. Auch auf diese Weise unternehme ich Reisen. Erst gibt es ‘mich’, dann ‘mich und die Anderen’, dann ‘die Anderen’, weitere ‘die Anderen’, und noch weitere ‘die Anderen’. Wird man somit schlussendlich das persönliche Ego los? Sicher ist, dass ich mit der Einstellung “von jedem Menschen kann ich lernen” und mit all meinen eigenen Ressourcen auch immer das Licht mit mir trage. Dies ist eine spannende Reise, die jedem freisteht.
9. Anne, du hast doch eine Schweigemeditation gesessen. Welche Erkenntnisse hast du aus dieser Erfahrung gezogen?
Ich lernte mehr Vertrauen zu haben; dass alle Lösungen grundsätzlich vorhanden sind, auch wenn ich sie noch nicht kenne. Einfach zu sitzen, um nicht wollend und ohne Urteil zu beobachten, zu horchen und zu spüren, dies kann uns Menschen zu manchen ‘Aufleuchtungen’ bringen. Ich habe besonders gemerkt, dass so manche Geschenke auf dem Weg liegen, wenn man sich einer Haltung der Nichterwartung anvertraut.
10. Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, das Beste in mir herauszuholen, auszuleben und auszudrücken. Der Weg ist ein Leben lang. An gewissen Abschnitten gelangt man zu weiterer Klarheit und tiefgründigen Einsichten, oder eben noch nicht. Das Leiden ist uns auf dem Wege leider nicht erspart, aber es kann sich zur inneren Stärkung entwickeln. Das Erforschen als auch das Erleben sind wichtige Bestandteile meines Lebens, die ich gerne zusammen mit meinen Weggefährten teile. Neugier könnte den roten Faden meines Lebens darstellen. Das was mich nährt, nährt anscheinend auch die Leute um mich. Nahrung als auch Nähe sind wichtige Bestandteile meines Lebens. Und Freude noch. Das ist auch sehr wichtig.
Zur Person:
Anne Jaton
Ausgebildet und tätig in Bildende Kunst und Gesang (1981-2005). Sehr geprägt von Reisen und Leben im Ausland. Lebt seit 1976 in Genf, wo Kulturen sich mischen, nebeneinander Bestehen.
Seit 2005, lässt sie sich als Therapeutin ausbilden und seit 2007 ist sie als Masseurin tätig. http://sites.google.com/site/atherapeuticaltouch/


